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Jahreslosung 2012

 

 

Jesus Christus spricht:

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

 

2. Korinther 12,9

 

 

 

 

Predigt zur Jahreslosung von Pfarrer Klaus Neumeister an Neujahr 2012

 

(Es gilt das gesprochene Wort.)

 

„Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

 

Das ist die Jahreslosung für das Jahr 2012.

Öfters hat der Apostel Paulus gegenüber seiner Gemeinde in Korinth von „Schwachheit“ gesprochen:

„Ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern.“ (1. Korinther 2,3)

„Wenn ich mich denn rühmen soll, will ich mich meiner Schwachheit rühmen.“ (2. Korinther 11,30)

 

Sich seiner Schwachheit rühmen, das klingt absurd.

Man rühmt sich doch seiner Stärken.

Man zeigt, was man zu bieten hat, und das auf allen Gebieten.

Wenn man uns als Kinder noch beigebracht hat „Eigenlob stinkt“ - in vielen Bereichen ist das heute ganz normal geworden.

Man bekommt nur dann einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz, wenn die Bewerbungsmappe top ist.

Jede noch so kleine Fort- und Weiterbildung muss durch ein Zeugnis dokumentiert sein, damit man etwas vorweisen kann, und sei es, dass man sich auf nicht gerade üblichem Weg einen Titel verschafft, der bei Freunden und Feinden Eindruck machen soll.

Niemand prahlt mit seinen Schwächen!

Seine Stärken kehrt man hervor.

Alle Welt soll sehen, was für ein toller Hecht dieser Mensch ist und dass er unter den anderen Menschen wirklich einen besonderen Platz einnimmt, oder einen besonderen Platz einnehmen muss.

 

Das ist in der Kirche auch nicht anders als in der freien Wirtschaft.

Wer sich auf eine Pfarrstelle bewirbt, von dem erwartet man, dass er oder sie nahezu alles kann: Kinder und Jugendarbeit, Leitungs- und Gremienerfahrung haben, eine positive Ausstrahlung, soll mit den Alten ebenso

gut können wie mit den Jungen.

Niemand prahlt mit seinen Schwächen - niemand?

Paulus scheint das anders zu sehen.

 

Man erzählt sich die Anekdote, dass ein Kirchenvorstand einen Pfarrer sucht.

Alle Bewerber sind bisher abgelehnt worden.

Der eine war zu ruhig, der andere zu verkopft, der dritte verstand nichts von der Verwaltung und der vierte hatte keinen Sinn für Kirchenmusik.

Zum Schluss der Sitzung sagt der Vorsitzende:

„Ich habe hier noch eine Bewerbung. Es ist ein Mann in den besten Jahren, er hat reichlich Erfahrung, hat es aber nirgendwo lange ausgehalten. Meist hat es um seine Person Streit gegeben. Er selbst hält sich durchaus für begabt, aber die Gemeinden, mit denen er zu tun hatte, sagen, er sei ein schlechter Redner.“

Darauf ein Kirchenvorstandsmitglied:

„Über diese Bewerbung müssen wir gar nicht weiter reden. Der Mann kommt für uns nicht in Frage.“

Darauf der Vorsitzende:

„Es handelt sich bei dieser letzten Bewerbung um ein Berufs- und Lebensbild des Apostels Paulus.“

 

Paulus hätte keine Chance gehabt, genommen zu werden.

Eine Pfarrstelle hätte er in der Kirche nicht bekommen.

Es ist wahr: Paulus hat es schwer gehabt.

Und der Satz, dass Jesu Kraft in den Schwachen mächtig ist, ist ihm auch nicht einfach an einem lauen Sommerabend in die Feder geflossen.

Man sagte Paulus nach, dass seine Briefe stark und kräftig seien, dass er aber in der unmittelbaren Begegnung eher schwach wirke.

Kein Mann, mit dem man Staat machen kann.

Erfolgreiche Missionare stellt man sich anders vor.

 

Und dann, im zweiten Brief an die Korinther, gibt er auch noch gesundheitliche Probleme zu.

Er spricht von einem Satansengel, der ihn mit Fäusten schlägt.

Das ist heftig.

Unzählige Versuche hat es gegeben, aus dem zeitlichen Abstand eine Diagnose seiner Krankheit zu stellen.

Es spricht einiges dafür, dass Paulus unter Epilepsie gelitten hat, einer Anfallskrankheit, die Menschen jäh überfällt, und die nicht vorhersehbar ist.

Für einen Missionar Jesu Christi eine schlimme Einschränkung.

Ein strahlendes und kräftiges Auftreten überzeugt die Menschen.

Paulus kann diese Erwartungen nicht erfüllen.

 

Er schreibt, wie er darunter gelitten hat.

Er berichtet, wie er gebetet hat: dreimal habe ich zum Herrn gebetet.

Und der Herr hat seine Bitte nicht erfüllt.

Paulus wurde nicht von seiner Krankheit befreit.

Aber in seiner Krankheit hat er das Wort gehört, das zur Jahreslosung 2012 geworden ist:

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Oder, wenn man es genau übersetzt:

„Meine Kraft kommt in der Schwachheit zu ihrem Ziel.“

Das ist eine Glaubensaussage.

Und ihr liegt eine Glaubenserkenntnis zu Grunde.

 

Sichtbare Stärke ist für den Glauben kein Maßstab.

Es hat genug Mächtige gegeben, die ihre Stärke zur Schau getragen und damit ganze Völker ins Unglück gestürzt haben.

Man braucht kein klingendes Spiel, keine beeindruckenden Aufmärsche und keine Hofberichterstattung, die immer nur das Positive hervorhebt, und die die Schattenseiten nicht sieht und nicht sehen will.

Niemand braucht Menschen, die vor Kraft nicht gehen können, die starke Worte gebrauchen, aber denen es an Einsicht und Vernunft fehlt, die Dinge mit Augenmaß zu regeln.

Kraftmeier erreichen nur selten, was sie als Programm vorgegeben haben.

 

„Meine Kraft kommt in der Schwachheit zu ihrem Ziel“, sagt der auferstandene Christus dem verzweifelten Paulus.

Das ist ihm zum entscheidenden Wort seines Lebens geworden.

Auch Christus, auch der Herr hat nicht mit Erfolgen geglänzt.

Wenn die Menschen ihm zujubelten, dann hat er sich zurückgezogen.

Seine Schwachheit wurde offenkundig, als man ihm in Jerusalem den Prozess machte.

Die jüdische Priesterschaft und der römische Prokurator waren sich einig: „Der muss weg!“

Und die Leute, die bezahlten Verkläger brüllten: „Kreuzige ihn!“

Seine Nachfolger hatten weder den Mut noch die Kraft, der Stimme dieser Leute auf dem Hof der Burg Antonia wirkungsvoll zu widersprechen.

Der gefolterte und dornengekrönte Jesus ist ein Bild des Jammers.

Keine Spur von Macht und Kraft.

„Lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe“, spotten die Passanten als Jesus in seiner Verzweiflung nach Gott ruft.

 

„Meine Kraft kommt in der Schwachheit zu ihrem Ziel“, sagt der auferstandene Christus zu Paulus.

Es gibt wohl kein sprechenderes Zeichen für die Schwachheit Jesu als Folter und Kreuz.

Kein Machtwort Gottes, dass den Quälereien ein Ende gemacht hätte.

Doch Gott kommt in der Schwachheit Jesu zum Ziel.

Gott schenkt Leben, indem er selbst sein Leben lässt.

Glanz und Glamour mögen die Mächtigen dieser Welt für sich beanspruchen.

Der lebendige Gott geht den unteren Weg.

Er bleibt den Menschen nahe bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz.

 

Gottes Hoheit ist seine Niedrigkeit.

Wer hätte sich jemals denken können, dass Gott am Rande der Welt in einer Krippe zur Welt kommt?

Mensch wird und Mensch bleibt?

Gott gehört in die höchsten Höhen, in die goldenen Tempel und in die prächtigsten Kathedralen.

Niemand wir ihn in der Schwachheit suchen, im Stall, bei den Hirten.

Wer wäre je auf den Gedanken gekommen, Gott in der schwächsten Schwachheit zu suchen, dort, wo er sich selber nicht mehr helfen kann, und wo er dem Spott der Passanten ausgeliefert ist?

 

Paulus selbst ist nicht müde geworden, Christus, den Gekreuzigten, weiterzusagen.

Jetzt ist er selbst gefragt, wo er für sich Gott sucht.

Ob er ihn nur im Himmel haben will, umgeben von Engeln, ausgestattet mit aller Macht im Himmel und auf Erden - oder ob Paulus sich an den hält, von dem er immer geredet hat: Christus, den Gekreuzigten, der den Zerschlagenen nahe ist, denen, die aus eigener Kraft nicht mehr zurecht kommen, die schon mitten im Leben vom Tode gezeichnet sind.

Ob er auf den Gott setzt, der keine strahlenden Propheten braucht, keine medienwirksamen Prediger, sondern der - wie Paulus selber es sagt - durch die törichte Predigt weitergesagt werden will.

 

Die Jahreslosung soll uns ein Jahr lang begleiten.

Wir werden uns von Zeit zu Zeit an sie erinnern, besonders dann, wenn wir uns ohnmächtig fühlen, wenn wir spüren, dass wir nicht mithalten können mit den werbewirksamen Sprüchen, den Hochglanzbroschüren, den massenwirksamen Aktionen und Events.

 

Wir werden uns daran erinnern, wenn wir uns nach einem göttlichen Machtwort sehnen, das der ganzen Falschheit, der ganzen Blenderei und dem ganzen Betrug, dem wir ausgesetzt sind, endlich ein Ende macht.

 

Wir werden uns an die Jahreslosung erinnern, wenn wir selber uns von den großen Aktionen das Entscheidende erwarten.

 

Das ist nun keine Rede, die der Bequemlichkeit das Wort redet.

Schwachheit ist auch kein Erfolgsprinzip und Faulheit ist nicht geeignet, das Evangelium unter die Leute zu bringen.

Die Schwachheit wird gerade dann spürbar, wenn der Glaube in Konflikte gerät, wenn er sich bewähren muss und erkennt, dass er keine Stütze hat außer den, der selber schwach geworden ist, um uns das Leben zu geben, das kein Tod mehr zerstören kann.

 

Die Schwachheit, von der Paulus schreibt, ist kein Trick, um Stärke vorzutäuschen.

Die Schwachheit, von der Paulus schreibt, ist die Schwachheit des Kreuzes.

Es ist die Schwachheit, die nicht beweisen kann, dass sie eine notwendige Folge der Wahrheit ist, die in der Welt und bei den Einflussreichen auf Widerstand stößt.

Diese Schwachheit ist keine Masche, sie ist das Zeichen Gottes in der Welt.

Sie ist die Zweideutigkeit, in der wir leben, bis zu dem Tag, an dem es keine Zweideutigkeiten mehr gibt, an dem alles klar und hell und gut ist und Gott sein wird alles in allem.

Immerhin fällt das Licht von Ostern, das Licht der Auferstehung auf unsere Schwachheit.

Dieses Licht wird uns leuchten und uns begleiten alle 366 Tage des neuen Jahres hindurch.

 

Amen.

 

 

 

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